Markus Guschelbauer

Der Künstler als Landwirt

Archaisches Thema

Die Landschaft als archaisches Thema ist Angelpunkt der bisherigen Arbeit von Markus Guschelbauer. Wie er es aus seiner Kindheit auf einem Kärntner Bauernhof kennt, geht der Künstler für seine Arbeit in die Natur und bebaut sie. Es ist eine einsame Arbeit – Hinausgehen in die Natur, Schauen, Planen, Bauen. Wald, Wasser, Steine, Rasenstücke werden verhängt, umbaut, verfremdet. Die Materialien für den Umbau sind dabei naturfern, meist Plastikplanen aus dem Baumarkt.

Anders als in der Landart geht es Guschelbauer dabei nicht um den Prozess des Einwirkens der Natur auf den künstlerischen Eingriff. Seine Interventionen sind für das Foto, für die Kamera, mit ihrem fixen, im Vorhinein festgelegten Standpunkt gemacht und haben damit ihren Zweck erfüllt. Der Akt des Bauens jedoch ist wichtiger Teil des künstlerischen Projekts. Eine Performance, bei der der Künstler von Stein zu Stein springend, kletternd, Gerüste errichtend, Bäume als Säulen nutzend, das Bild durch Spannen, Legen, Hängen der Plane oder anderer Baumaterialien festlegt. Und dabei in einen intuitiven Fluss gerät.

„Alles Schreiben ist biographisch” (Friedrich Nietzsche)

Eine Kindheit in der Kärntner Dorfwelt für einen der anders ist als die anderen – diese Erfahrung haben in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Reihe großer österreichischer Schriftsteller immer wieder literarisch bearbeitet. Auch in Guschelbauers Arbeit geht es um Restriktionen und Beschneidungen der (eigenen) Natur. Die metaphernreiche Natur-Auffassung der Romantik ist ihm nahe. Offenbar hat die Bildende Kunst aber andere Wege, mit solchen Erfahrungen umzugehen. Gegenüber dem geschriebenen Wort bietet die Bildwelt freiere, spielerische und träumerische Ausdrucksmöglichkeiten. „Schönheit” kann dabei eine Kategorie sein.

Mit seinen Installationen beschneidet und verdeckt Guschelbauer die Natur. Im „Waldraum” – seinem zeitlich letzten Bild - ist die Natur fast ganz eliminiert. Die kahlen Fichten-Stämme haben nur mehr Säulen-Funktion, ihrer Wipfel und ihrer Wurzeln sind sie (optisch) beraubt.

Aber dies ist der eigentliche Akt der Befreiung: Die Schönheit von Guschelbauers Bildern entsteht vor allem durch den eigenen Eingriff mit Wegwerfmaterialien: „Heute bau ich mir die Welt, so, wie ich sie schön finde.” Sein „Waldraum” und sein „Wildbach ohne Titel” haben etwas Traumhaftes an sich. Der Boden im Waldraum wabert in weichen Faltenbergen dahin; es entsteht der Eindruck eines „Wunderlands”, durch dessen Raumgrenzen – die transparente Plane – grünlich nur mehr eine Ahnung der Außenwelt schimmert. Das in seiner Bewegung fotografisch eingefrorene Wasser des „Wildbachs” und die Falten werfende nasse Einhüllung der Steinlandschaft sind dagegen in ihrer Materialität kaum voneinander zu unterscheiden. Dem Licht kommt in dieser Arbeit eine geradezu erzählerische Funktion zu, während es sonst bei Guschelbauer oft diffus ist, um den Abstraktionsgrad zu erhöhen.

Witz & Ironie und die abstrakte Kunst

In anderen Bildern instrumentalisiert und reduziert der Künstler die Natur zu einem Teil der Kunstgeschichte. So dienen Bäume im Schnee zur Konstruktion eines Mondrians, wird ein Waldstück zum Mittelteil eines Triptychons, oder verirrt sich Malewitschs schwarzes Quadrat in den Föhrenwald.

Guschelbauers Entwicklung der letzten Zeit ging in Richtung Abstraktion. So bebaut der Künstler unter anderem den dreidimensionalen Natur-Raum, um damit ein abstraktes, scheinbar flächiges Bild zu erzeugen. Dies geschieht etwa bei der Aufnahme des Obstbaums vor farbigen, horizontal gespannten Planen. Das Blau des Himmels bildet dabei den obersten Farbstreifen des scheinbar flächigen Hintergrunds, die beiden kleinen rosa Wölkchen darin wirken wie Tupfen von Ironie.

Einem vorgegebenen Gruppenausstellungs-Thema im Jahr 2009, „Wasser”, verweigerte Guschelbauer eines seiner märchenhaften Wasser-/Verschleierungs-Bilder. Stattdessen füllte er 255 Jausensackerln mit Wasser und ordnete sie streng geometrisch zu einer subversiv-minimalistischen Wandinstallation.

Analoges Leben

„Das Analoge ist mir so wichtig” sagt Guschelbauer und spricht damit nicht von Fototechnik. Es geht ihm um das Hinausgehen und um den Akt des Bauens. Auch dies ist ein Statement angesichts einer durchgreifenden Normierung der Lebensbedingungen, die einen Großteil der Menschen der industrialisierten Welt in ihrem beruflichen und vermehrt auch privaten Leben in immer gleicher Sitzhaltung vor einen Bildschirm zwingt.

Künstlern wird vielfach die Rolle sozialer Aktivisten unserer Zeit zugeschrieben. Sie sind es auch insofern, als sie wohl am konsequentesten ihrem eigenen Lebensentwurf folgen. Für Guschelbauer bedeutet dies unter anderem den Versuch der Integration von Gegensätzen in seiner künstlerischen Arbeit.

Maria Welzig, EIKON – Internationale Zeitschrift für Photographie und Medienkunst (Heft #77, 02/2012) - http://www.eikon.at/content/de/zeitschrift_detail.php?aktuell=1

Markus Guschelbauer

Der natürliche und meist „ungeordnete” Raum des Waldes erscheint als Säulenhalle (als Tempelraum?) – eingefasst durch eine milchig-transparente PE-Folie, die einen malerischen Sfumato-Effekt erzeugt. Der so entstandene geometrische Kubus ist durch die aufstrebenden Baumstämme in einer prägnanten vertikalen „Ordnung” strukturiert und evoziert damit das Kennzeichen aller sakralen Raumarchitektonik. Diese leitet sich einerseits aus dem Prinzip der „Abgrenzung” als gleichzeitige Eingrenzung der dem „Heiligen” vorbehaltenen Bereiche und andererseits als „Loslösung” von irdischer Schwere ab. So bedeutete das lateinische „templum” ursprünglich primär „Grenze”, d. h. eine Abgrenzung des menschlich-kulturellen Raumes gegenüber der Natur und damit auch die „Besitznahme” bis dahin nicht kultivierten, freien Landes. Selbst der Begriff des „Besitzes” stammt etymologisch aus dem konkreten und handgreiflichen Akt des „Be-Sitzens”, also indem man sich an einer bestimmten Stelle, an einem Ort niederlassen und hinsetzen wollte und von da aus die Grenze des „in Besitz” Genommenen bestimmte. Naturräume in Kulturräume zu transformieren war grundlegend mit der Vorstellung einer Ab- und Eingrenzung von Räumen verbunden – gleichsam von einem „(Sitz-)Punkt” ausgehend. Eine ähnliche Vorgehensweise wählte auch Markus Guschelbauer bei der Bestimmung seines Wald-Tempel-Raumes – wohl eher unbewusst an diese archaische Praxis der „Raumgestaltung” anknüpfend.

Als Ausgangspunkt seiner Raumerschließung und Raumschaffung wählte er die Positionierung, also den „Standpunkt” der Kamera, um den herum er schließlich das durch ihn definierte Raumvolumen in Kunststoff-Folie „verpackte”. Die „Raumnahme” erfolgte hier „durch das Auge” der Kamera, da die „Wald-Tempel-Installation” von vornherein auf eine Wahrnehmung durch den Photoapparat, also auf den Blick und das Sehen durch das Kameraobjektiv bestimmt war. Die grundlegende Intention ist auf eine photographische bzw. bildliche Repräsentation und deren ästhetische Aspekte gerichtet und die PE-Folie dient dafür vor allem als Medium, als experimentelles Gestaltungsmittel, mit dem Markus Guschelbauer bildlich-ästhetische Wirkungen beabsichtigte.

Der Kontrast zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit, der ja heute überwiegend als unversöhnlicher Gegensatz empfunden wird, löst sich bei Markus Guschelbauer in einem optischen Spiel der Ambivalenzen auf. Die semi-transparente Folie trennt ja den äußeren Naturraum nicht strikt vom künstlich „folierten” Innenraum sondern lässt vor allem durch die Lichteffekte, die durch die vom Wind bewegten Wände und den daraus resultierenden wechselnden Lichtbrechungen verstärkt werden, ein optisch-visuelles „Fließen” zwischen Innen- und Außenraum entstehen. Was gerade noch chimärisch sichtbares Außen war, wird zum farblich oszillierenden Innen oder verbirgt sich mit einem Mal wieder hinter einer milchig-trüben „Glas”-Wand. Der schon durch den Unschärfe-Effekt der PE-Folie gegebene Aspekt einer Auflösung der konkreten, scharf umrissenen Gegenständlichkeit rückt die photographische Bildlichkeit in die Nähe des Malerischen – mit einer primär ästhetisch-formalen Funktion. Ebenso zeigt sich ja die beinahe abstrakte Ordnung der Baumstämme schließlich eher in ihrer Formqualität bzw. als Struktur-Phänomen und weniger als „dokumentarische” Verbildlichung der Bäume. Dass es dem Künstler primär um visuell-ästhetische Aspekte geht, kommt auch darin zum Ausdruck, dass die „Spuren” des Materials, also der aufgespannten Folie, in Form der gewellten Raffungen zum absichtlich eingesetzten Gestaltungselement des photographischen Bildes wurden. Diese Raffungsspuren verleihen der Bildfläche durch die unterschiedliche Licht-Modulation eine reliefartige Plastizität und sie „brechen” die photographische Bildebene, die ja vollkommen plan ist, gleichsam durch eine zweite, nicht plane Fläche auf. Schon die PE-Folie ist im Grunde für unseren Blick bereits eine Bild-Projektionsfläche – nur durch ihre weitgehende Transparenz bleibt sie als solche unbemerkt. Nur dort, wo sie durch die erkennbaren Raffungen als „Bildstörung” des weiter hinten liegenden Bildraumes erscheint, wird sie bewusst wahrnehmbar.

Auch die Overhead-Projektion der Gräser, Blätter und Stauden auf oder durch eine (bewegliche) Plastikfolie arbeitet mit der Reduktion auf eine beinahe abstrakte Formgebung – die durchscheinende PE-Folie als Projektionsfläche erinnert an die vorphotographische Technik der Dioramen, die ebenfalls durch ihren fluoreszierenden Durchschein-Effekt faszinierten. Jedenfalls wird deutlich, dass diese alltägliche Kunststoff-Folie durchaus als künstlerisch-ästhetisches „Mittel” und Material verwend- und verwertbar ist. Die Zuschreibung eines bloßen Gebrauchswertes mit dem Nimbus, schließlich bloßer Abfall zu werden, entspricht dem ästhetisch-experimentellen „Potential” dieses Kunststoffs keineswegs.

Erwin Fiala, Künstlerklausur Stift Rein – styrian art foundation, http://www.styrianart.at/st_art/galerie/markus-guschelbauer/