Taming of Landspace

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Taming of Landscpape / 2018

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Markus Guschelbauer hat seiner Ausstellung im Bildraum 01 den Titel Taming of Landscape, dt. Die Zähmung der Landschaft vorangestellt und spricht damit ein zutiefst menschliches Begehren an. Die Natur stellte für die Menschen immer schon eine Herausforderung dar. Sie mussten erst begreifen, dass die Erde eine Kugel ist, dass China und Amerika nicht am selben Kontinent liegen. Sie arbeiteten daran, der Natur habhaft zu werden, ihre gigantischen Ausmaße zu erfassen, sie fassbar zu machen. Landkarten und Globen sind solche Erfindungen, mit welchen sich der Mensch über die Welt erhoben hat, indem er sie sich geschrumpft hat, um sie begreifen, in die Hand nehmen und forttragen zu können.

In diesem geografischen Sinn bedeutet „die Zähmung der Landschaft“, sie zu vermessen, zu unterteilen, Grenzen zu ziehen, Gebiete und Parzellen mit Koordinaten und mit Höhenlinien zu definieren, kurz die Natur einem Regelwerk unterzuordnen, das dem Mensch einen Überblick ermöglicht.

Als Markus Guschelbauer im Frühling 2016 eine Reise in die USA zum Hudson Valley unternahm, war für ihn der Blick von oben auf die rechtwinkelig gezogenen Unterteilungen der Landschaft eine erste Inspiration für die Arbeiten, die dort entstanden sind.

Das Raster, wie es die ausgestellten Arbeiten maßgeblich prägt, knüpft zudem an ein wichtiges künstlerisches Werkzeug an: die Zeichenhilfe, die man Jahrhunderte verwendete, um Gegenstände oder Räume auch aus schwierigen Perspektiven richtig auf die Fläche zu bringen, ohne dass ihre Proportionen verzerrt wirken. Man hat dazu einen ähnlichen Rahmen verwendet, wie Markus Guschelbauer, etwas kleiner, und Feld für Feld die Vorlage übertragen –Albrecht Dürers Illustration, „Der Zeichner des liegenden Weibes“, ist vielleicht die bekannteste Darstellung einer solchen Zeichenhilfe.

Markus Guschelbauer hat ein solches freistehendes RASTER-Element in der Landschaft des Hudson Valleys errichtet. Im Vergleich zu Dürers Lehrbeispiel ist jedoch weniger die Verkürzung das Thema – die Rasterkonstruktion steht der Landschaft vielmehr frontal gegenüber, der Horizont liegt in der Mitte der 16 Felder, 8 Felder über ihm, 8 Felder darunter. Es ist ein weiteres Thema, das Markus Guschelbauer interessiert, und das die Kunstgeschichte ganz wesentlich beeinflusst hat, nämlich die Abstraktion. So sieht man in der 16-teiligen Serie die sukzessive Veränderung der realen Landschaft. Ein Feld nach dem anderen wird getauscht. Markus Guschelbauer überträgt dazu einen Mittelwert der in der Natur vorkommenden Farben auf Tafeln und schließt sozusagen die „Fenster“ auf die reale Landschaft Feld für Feld. Am Anfang kaum merklich, ist gegen Ende der Serie die Landschaft zu einer geometrischen Abstraktion geworden. Dazwischen erinnern uns die Farbfelder an Pixel, als hätten wir zu weit ins Bild gezoomt. Das Raster behält jedoch eine Körperlichkeit, da es keine gemalten Linien, sondern mehreren Zentimeter starke Holzleisten. Und diese werfen Schatten auf die sonst monochromen Flächen.

Abstraktion bedeutet Vereinfachung und Reduzierung. Ein ursprünglich gegenständlicher oder figürlicher Zustand wird auf wenige Elemente reduziert. Weil wir aber regelrecht darauf trainiert sind, in Bildern etwas wiederzuerkennen, bleibt auch das Abstrakte meist nicht abstrakt. So gesteht auch Markus Guschelbauer dem Raster neue, andere Funktionen zu: „Die geometrischen Formen werden […] Module für andere […] Formenkonstellationen, die nützlich, schön oder unterhaltsam sein können“ (Pablo Lafuente, in: A Singular Form, S. 117). Das Abstrakte wird also wieder konkret, wenn auch auf andere Weise: Es wird zum dreidimensionalen, schwebenden Objekt, zu einem Floß, zu einem Bühnenelement, auf dem sich die ansässigen Ziegen einfinden. Es wird zur Kulisse für weitere „Mitbewohner“ des Areals. Markus Guschelbauer bricht kurzerhand die Strenge der minimalistischen Kunst auf und erweitert sie durch die Unbefangenheit, wie sie nur Tiere haben können, weil das Tier –  ganz ohne Ehrfurcht – das Werk betritt, die Filmkamera ignoriert, sich völlig ungeniert bewegt, die Rasterlatten übersteigt und Körner aufpickt. Kunst und Tiere gehen in Folge mehrere humorvolle Konstellationen ein.

Im Booklet zur Ausstellung beschreibt Mark Wunderlich sehr deutlich eine Ambivalenz: einerseits erinnert er uns daran, wie präsent die Natur im Frühling ist, mit ihrem üppigen Wachstum, ihren saftigen Farben, Gerüchen und Geräuschen. Dem gegenüber steht das Raster als streng geradliniges Element, das die organischen Formen der Natur gegen einfache Flächen tauscht. Das Raster entspricht dem rationalen Denken und verhält sich in diesem Sinne zur Landschaft ähnlich wie unser Intellekt zu den Bedürfnissen und Trieben unseres Körpers. Diese wiederum scheinen sich in den einfachen Instinkten der Tiere auszudrücken.

Als Künstler kann Markus Guschelbauer beides zulassen, das Strenge und das Humorvolle, das Geplante und das Spontane, die Ästhetik der Reduktion und den Charme des Unbedarften.

Ruth Horak / 25.1.2018

Markus Guschelbauer

Schönbrunner Straße 38
1050 Wien / Austria

m: +43 676 738 70 74
e: markus.guschelbauer@gmx.at

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